Es grünt so grün…

  • Es grünt so grün... - Mag. Ruth Karner

Es grünt so grün…

Frühlingsdiäten, Frühlingsputz und Schmetterlinge im Bauch fordern Menschen und ihre Beziehungen! Wir wollen oder sollen fasten und auch auf anderen Ebenen Ballast abwerfen, uns reflektieren und verändern. Manchmal kommt da ganz schön viel in Bewegung oder wir sind unzufrieden, weil wir unsere Gefühle nicht wirklich einordnen können.

Willkommen beim einfach Mensch sein!

Wir suchen nach Sinn und Zielen. Wir hinterfragen die Qualität unserer Beziehungen zu anderen und zu uns selber. Sehr oft sind wir dabei viel zu streng und ungeduldig mit uns und mit unseren Lieben. Der weiche, liebevolle Blick den wir auf die zarten Frühlingsblümchen haben, der sollte doch auch für uns gelten! Warum ist es nur so schwierig liebevoll zu sich zu sein?

Die ersten Blümchen sprießen, der Frühling liegt in der Luft! Es zieht uns nach draußen ohne fünf Zwiebelschichten Kleidung. Die Natur startet buchstäblich neu durch. Wir wollen das auch: Aufwachen und durchstarten! Es ist genau das, was uns Menschen von Tieren unterscheidet: Wir trachten nicht danach, das was die Generation vor uns gemacht hat 1:1 Jahr für Jahr perfekt zu wiederholen, sondern wir wollen die Welt neu entdecken, erobern und gestalten! Und vor allem wollen wir uns selber verwandeln. Immer wieder neu, weiter, größer, höher und vor allem besser werden. Daher spitzen wir die Ohren, sobald uns Angebote, unser Leben zu verändern erreichen.

Das ist super so, das nennt man Evolution und Persönlichkeitsentwicklung.

Und gerade im Frühling sind wir dafür noch viel offener und daher gibt es auch an jeder Ecke Einladungen, Angebote, Impulse genau dafür. Teilweise so massiv, da kommen Mann und Frau schon mal echt unter Druck.  Denn unendliche „Vorbilder“ sind in Zeitschriften, Newslettern, Yogastudios, TV und Internet zu finden. Blogs, Instagram und Co erschlagen uns förmlich mit vielen „perfekten Wegen“ zum „perfekten Ich“…

Die Netflix Communtiy hat ihre Heldin des Aufräumens gefunden. Selbst wenn man die Plattform nicht abonniert hat, kommt man nicht dran vorbei. Ausmisten, ist die Devise! Weniger ist mehr. Raum für mich schaffen, Ordnung die gut tut.

Macht es mich glücklich, nein?, dann weg damit. Im www zeigen uns BloggerInnen für Elternthemen, was man als Elternteil locker alles unter einen Hut bringen kann, soll und muss. Es geht ja schließlich um das Wohl unseres geliebten Kindes und darum sich täglich dabei wunderbar weiterzuentwickeln. Selbstoptimierung als Elternteil, auch dafür ist der Frühling wunderbar. Und dabei sind die meistens top geschminkt und haben eine Wohnung, in der das Kind wie ein superfesches Stylingobjekt ausschließlich lächelt. Die Eltern machen ja auch alles richtig! Aber auch im normalen Leben wird man fündig: Die Kollegin in der Arbeit, die seit langem „Paleo“ isst und der Kollege, der nur jeden zweiten Tag isst, machen es vor: ein bisschen Konsequenz und Disziplin und locker, fast unmerklich purzeln die Kilos. Alles wirkt total einfach und locker. Genauso das wärmer werdende Wetter, dass die Jogger anzieht, wie der Honig die Fliegen. Oder auch der Schulfreund, der seinen Job kündigt und aus seinem Hobby einen neuen Beruf macht, lebt es vor. Leichtigkeit und Neuanfang, alles ganz einfach.

Was aber, wenn einem nach zwei Tagen Detoxen nur mehr der Kopf schmerzt, man alle angrantelt, im Büro einen Schwächeanfall hat und man dann nicht mehr durchhält und zum nächsten Supermarkt flieht um ein Wurstsemmerl? Was, wenn man die Sachen von links nach rechts legt und einfach nicht wegschmeissen kann und bei der Frage nach „Joy“ an einen Abend im Lieblingslokal denkt und nicht spürt welche Beziehung man zu dieser Handtasche hat, nur dass sie halt eine Farbe hat, die man doch oft an hat. Oder was, wenn man erst gar nicht die Zeit findet, mit Job, Beziehung, Kindern und Hobbies den Inhalt der ganzen Wohnung durchzugehen. Was, wenn man nach zweimal im Fitnesscenter ein braves zahlendes Mitglied ist, dass den Anwesenden dort mehr Platz schenkt? Was, wenn man sein Kind anschreit, weil man keine Nerven mehr hat, das 10. mal alleine das Kinderzimmer aufzuräumen? Was, wenn man sich ärgert, dass jetzt überall die Zeit für Leichtigkeit ist, man sich aber müde und schwer fühlt?

Dann ist es Zeit, dass wir das ganze Bild sehen! Nicht nur dieses eine Vorhaben, das gerade nicht so funktionieren will, wie wir das gerne „optimieren“ würden. Nicht immer auf das schauen was alles fehlt, sondern auf das was da ist, was uns gut gelingt und welche Früchte wir einfahren. Vielleicht habe ich gerade 10 Dinge ganz wunderbar im Interesse meines Kindes gedacht und gemacht und dann ist es einfach auch mal wichtig, jetzt ja zu mir zu sagen und daher auch mal nein zum Kind.

Vielleicht ist der Termin im Fitnesscenter wieder ein Termin, der verhindert, dass ich irgendwann mal auch zur Ruhe komme. Vielleicht…

Es macht einfach Sinn, dass wir uns statt uns zu geiseln, mit ein wenig Abstand beobachten und uns sagen: Aha, so tickst Du, jetzt gerade ist es so oder so. Und aufhören stets zu fragen, was ist richtig, was falsch. Und unserer Unruhe und Lust zum Wandel begrüßen, wie wir ein zartes Pflänzchen begrüßen. Nicht dran ziehen und zerren, ihm gleich vorschreiben wie groß es werden muss, usw. Sondern einfach mal wahrnehmen. Aha, Frühling, da klopft was an. Mir Zeit nehmen und mich und meine Gefühle ernst nehmen. Vielleicht melden sich da wirklich Sehnsüchte, verloren geglaubte Qualitäten, Visionen,… – denn ja, selbstverständlich macht es Sinn, dass wir uns weiterentwickeln. Aber es sollte mein Gefühl, meine Sehnsucht und mein Weg sein. Es geht darum, mich nicht zu vergleichen und abzuwerten, die Dinge nicht wie mein Nachbar, meine Freundin, der Kollege,… anzugehen, sondern mir zu erlauben, es so zu tun wie ich. In meinem Tempo, mit all meinen Ängsten und meinem Mut gespickt, als die Person die ich aufgrund meiner Geschichte und Beziehungen bin, auf meine ganz eigene Weise.

Wir sind kein leeres Blatt und ohne Geschichte und ohne unsere Beziehungen gar nicht zu verstehen. Es wird Zeit, dass wir unsere Umwege und Unzulänglichkeiten dabei umarmen. Ich bin ich. Und zugleich bin ich in Bewegung und darf in jeder Beziehung wachsen und mich verändern. Die spannende Frage ist, kommen diese Ideen zur Veränderung aus mir, wirklich aus mir? Dann wird mich nichts und niemand aufhalten beim Ballast abwerfen, Abnehmen, Neu denken, usw. Und wenn sie nicht aus mir kommen, sondern es nur von irgendwoher auf mich zugetragen werden, dann darf ich mir Zeit nehmen zum Anschauen, Ausprobieren und Herausfinden ob ich das überhaupt will und auch gut wieder loslassen. Wenn wir unsere kleinen Kinder dabei beobachten, wie diese durchs Leben gehen und ausprobieren und auch wieder loslassen, können wir auch für uns lernen. Und ja, bevor kleine Kinder gehen beginnen, oder reden, oder ähnlich Großes mit dem sie sich wirklich verbinden, werden sie mal ordentlich unrund, unzufrieden und grantig. Ärger ist ein Motor für Veränderung.

Eine wunderbare Energie, die uns dann vielleicht durch manche Anstrengung die Veränderung oder Neues lernen so mit sich bringt, trägt.

Und für unsere Kinder ist es wichtig, dass dann auch mal wer da ist, der ihnen was zutraut, sie fordert, sie sieht oder auch mal tröstet. Das gilt auch für uns! Uns helfen lassen von anderen Menschen, wenn wir gerade zweifeln oder uns verwandeln wollen kann punktuell ganz viel Sinn machen! Ich wünsche uns daher allen, einen wirklich schönen und bewegten Frühling, getragen von liebevollen Blicken auf uns. Lassen wir uns und auch den Menschen die wir lieben die Zeit und Art, die sie brauchen. Schön ist eine nur eine Leichtigkeit, die erlaubt dass alles sein kann, nichts aber muss, was nicht wirklich aus uns kommt! Dann wird es möglicherweise richtig leicht! Und in diesem Sinn, viel Freude am gemeinsam leicht sein.

Es grünt so grün, …

Foto: Pixabay / photocase.de