Alle Pläne über Bord – Teil 2: Das kranke Kind

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Alle Pläne über Bord – Teil 2: Das kranke Kind

Da sagt die Apothekerin beim Bezahlen an der Kasse doch glatt: Ihre 3 % Jahresrabatt können wir heute abziehen. Wirklich? Diese Summe? Mir gehört hier herinnen mindestens einer der feschen Ledersessel, wenn ich mir da die letzten Jahre hochrechne, die könnten ruhig ein Schild auf diesen Stuhl montieren: Sponsored by…

Wieder ist das Kind krank. Zum xten male diesen Herbst. Wie kann das sein? Ernährung umfangreich, viele Vitamine, viel Bio-Zeug, frische Luft ausreichend, Stress rausgenommen durch kaum Kurse, Familienleben grad echt ok, usw.

Trotzdem, das Immunsystem will anscheinend wachsen und wachsen und nimmt sich alles was es irgendwo kriegt zu Herzen.

Eigentlich geht das aber jetzt echt nicht mehr. Alles schon verschoben, to do Listen ins unendliche verlängert, auf die Zeit nach der Krankheit. Doch da war das andere Kind dann dran und jetzt ist es fast übergangslos wieder das erste. Hilfe!

Wer bleibt zuhause? Wer pflegt?

Ich? Gibt es ein Du? Wir? Pflegeurlaub kann in der Arbeit keiner mehr hören. Selber bringt man es kaum mehr über die Lippen. Man spürt, das hat Folgen. Für Selbständige gilt, keine Arbeit, dementsprechend weniger Einnahmen ev. Verlust von Kunden. Für WiedereinsteigerInnen gilt, jetzt habe ich doch gerade erst angefangen, muss reinwachsen ins Team. Für Eltern in Karenz heißt es, wieder tagelang eingesperrt in den immergleichen 4 Wänden.

Großeltern? Bei vielen Familien arbeiten diese selber noch, sind gesundheitlich zu anfällig, wohnen zu weit weg, haben zu dichtes Programm,… Bei manchen sind sie die Rettung in diesen Momenten.

Klar ist, das Problem „krankes Kind“ kann man nicht institutionalisieren. Das trägt keine Krabbelstube, kein Hort, … Und das Kind zeigt und sagt uns oft auch ganz klar: Bitte bleib bei mir! Das sollte gesellschaftspolitisch mehr Rolle spielen. Will die Gesellschaft, dass wir Kinder bekommen, muss sie das auch mittragen, dass wir uns punktuell selber um sie kümmern müssen. Eventuell mehr als 10 Tage / Jahr.

Aber bleiben wir privat. Das Kind ist krank. Unsere Präsenz ist gefragt.
Das heißt: Alle Pläne über Bord!
Schaffen Sie Raum für Beziehungszeit!

Gratulation zum Kind!
Krankheiten halten sich nicht an Termine, Abgaben, … Das passiert einfach, bei Kindern oft von Null auf Hundert, ohne Vorankündigung.

Zeit mit einem kranken Kind ist in Wahrheit ein großes Geschenk!
Beziehungen wachsen oft durch gemeinsam erlebte Geschichten, gerade schwierige Zeiten vereinen. Nicht anders ist es mit unseren Kindern. Da sein für Dich, wenn Du mich brauchst. Dir meine Schulter zum Anlehnen geben, Dich umsorgen, halten, Dir beistehen, usw. stärkt unsere Nähe, das Gefühl im Kind, sich auf mich verlassen zu können, sich auf die Menschen und die Welt verlassen zu können. Man lernt zudem Pläne wieder loszulassen, spontan zu sein, flexibel sein, kreativ und vielfältig in Problemlösungen zu werden, die eigenen Belastbarkeitsgrenzen zu erweitern und vieles mehr.
Wenn es uns gelingt dies alles anzunehmen, ist es immer ein großer Wachstumsschritt in der eigenen Entwicklung und ganz sicher in unserer Beziehung zum Kind.

Mir sind einige Punkte aufgefallen, die es wert sind genauer hinzuspüren:

Da sein & Abschalten
Nicht jede Sekunde die das Kind doch spielt am Smartphone Mails checken oder Telefonate erledigen. Ich kann ja dennoch nicht wirklich arbeiten und das Kind wird so keinesfalls wirklich begleitet. Stattdessen: Da sein. Meine Präsenz für mich und das Kind spürbar machen, ohne Unterbrechung. Und dann mal eine Stunde am Tag mich meinen Dingen widmen, auch das dann ganz.

Im Moment sein
Zuschauen. Zuhören. Mitspielen. Jetzt ist jetzt. Nicht an das denken was morgen auf mich wartet. In der Gegenwart sein.

Spielen
Im normalen Alltag nimmt miteinander Spielen viel weniger Raum ein, als mit kranken Kindern. Entdecken Sie das Kind in sich wieder. Spielen macht Spaß!

Mitfühlen
Meist leiden wir mit, das ist normal für Eltern, aber es würde schon reichen mitzufühlen. Nachfragen und hinspüren. Zeigen, was ich fühle.

Annehmen was ist
Es ist jetzt wie es ist. Wenn ich hadere, belaste ich mich und das Kind. Es kostet viel Energie und ändert meist nichts an der Tatsache.

Von mir erzählen
Es kann einfach sein, dass es mir zu viel ist manchmal. Das ist völlig in Ordnung. So lange ich bei mir bleibe und in einer persönlichen Sprache spreche (für mich ist es stark in letzter Zeit, weil die Leute in der Arbeit viel zu tun haben. Aber ich bin trotzdem gerne bei dir). Und sich auch daran erinnern, wie war es als ich als Kind krank war. Solche Geschichten lieben Kinder.

Kreativ sein
Kranke Kinder brauchen oft Ideen zur „ruhigen“ Beschäftigung, damit sie sich körperlich nicht zu sehr anstrengen. Gemeinsam Basteln, altes Zeug via upcycling umgestalten kann eine tolle gemeinsame Aktivität sein. Wann kommt man sonst dazu?

Entschleunigen
Das Tempo muss raus. Eine Volksspruch sagt, ein grippaler Infekt dauert ohne Tabletten eine Woche, mit 7 Tage. Oder: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht. Es braucht einfach die Zeit die es braucht.

Versorgen
Tee kochen, Gemüse raspeln, Obst schälen. Zum 10.mal aufstehen. Geben kann schön sein, es schafft ein Gefühl von Gebraucht werden und eine ganz spezielle Nähe. Aber Achtung: Es muss nicht alles perfekt sein. Bevor man sich wie die Großküche eines 4Stern-Hotels fühlt, vielleicht darf es zwischendurch auch mal sein, dass wir uns selber versorgen. Vielleicht freuen sich Großeltern wenn sie was vorbeibringen können. Der Pizzadienst freut sich sicher über einen Anruf. Oder wir fragen auch mal Freunde, ob sie was miteinkaufen können. Das lässt sich oft einfach miterledigen und hilft sehr.

Miteinander wachsen
Durch anstrengende, schmerzvolle Zeiten wachsen wir meist in unserer Persönlichkeit. Dies miteinander tu teilen, heißt auch miteinander zu wachsen.
Mich auch mal wo ausheulen.
Manchmal ist es einfach nicht mehr zu ertragen. Manchmal ist einem nur noch zum Schreien. Hey, das ist o.k.! Lagerkoller, Wut, Ärger – irgendwann kommt das zu jeder Krankphase dazu. Gut ist es, wenn ich das erkenne und mir bewusst mache. Denn eines ist dabei SEHR wichtig: das Kind sollte dies niemals tragen müssen! Das Kind ist krank und macht all das was ist, ganz bestimmt nicht absichtlich! Um unsere Kinder zu schützen, aber unsere Emotionen nicht nur zu schlucken ist es wichtig, sich bei einem anderen Erwachsenen auch mal so richtig ausheulen oder ausschimpfen zu können. Oder in den Wald zu gehen und sprichwörtlich die Bäume anzuschreien. (Je nachdem wie belastbar die Beziehungen sind die man hat. Aber haben Sie Mut: Freundschaften wachsen oft genau durch solche Momente der Offenheit!)

Auszeit
Heißen wir nicht Mutter Teresa, braucht wohl jeder normale Mensch eine Auszeit. Überall, in der Kunst, im Sport, in der Arbeit gibt es Pausen. Solche sind auch für Eltern überlebenswichtig. Halten Sie sich nicht für Super(wo)man. Mensch braucht mal einen Spaziergang, Erwachsenengespräche, usw. Nur geben ohne darauf zu achten: „was nährt mich?“ hat eine dicke Kehrseite. Die meldet sich sicher. Vorbeugen durch Pausen ist wichtig

Ablöse / geteilte Verantwortung
Wer außer mir kann was übernehmen? ist eine sehr wichtige Frage. Kann der Partner wirklich nicht zumindest einen Teil übernehmen? Auch er/sie sollte die Chance dieser besonders beziehungsbildenden Zeit nicht missen. Manchmal hilft auch nur einfordern, dieser Mut dient aber oft die gesamte Beziehungsqualität in der Familie.

In diesem Sinne, schöne Stunden zuhause und gute Besserung!

06. November, 2016|Blog, Erziehungsalltag|