Hilde will nicht!

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Hilde will nicht!

Hilde will sich nicht anziehen, vor allem nicht schnell und nicht das, Hilde will die Strumpfhose selber anziehen, Hilde will nicht mit uns essen, vor allem kein Gemüse, heute und nur genau heute auch keine Würstl, Hilde will nicht in den Kindergarten und dann vor allem jetzt noch nicht nachhause, Hilde will nicht zur Oma, Hilde will nicht rausgehen, Hilde will nicht Haarewaschen und vor allem Hilde will nicht schlafen gehen, nicht alleine, nicht jetzt. Nein! Nein! Nein! Dicke Tränen, ganz viel Wut, ganz viel selber und alleine.

Da hört man die andern sagen, das ist die Trotzphase. Das vergeht wieder.
Aha, wer trotzt, gegen wen und warum? Und vor allem: Wie überleben wir, BIS das wieder vergeht?
Ich glaube nicht an ein Trotzalter. Ich glaube an die gesunde Entwicklung von einem kleinen Menschen in Abhängigkeit zu einem unabhängigen Individuum. Schritt für Schritt und aus eigenem Antrieb. Das ist ein einen ständiger, immerwährender Prozess mit Höhepunkten. Die erste große Höhepunkt-Phase ist bei zwei- bis dreijährigen, kleine Höhepunkte gibt es mit 4 und mit 7 und dann und nochmals eine verstärkte, „längere“ ;-) Phase in der Pubertät. Worum geht es dabei? Zu erkennen ich und du wir sind zwei, wir sind unterschiedliche Wesen, Charaktere mit einem individuellen Blick auf die Welt, auf das was ich schon kann und jeder von uns will. Ein ganz wichtiges „ICH will, ICH will nicht.“ gepaart mit dem Entdecken, wer bin ich? Man könnte daher eher und schöner sagen „Selbständigkeitsantrieb“ statt Trotzalter.

Jesper Juul antwortete einmal einer Mutter:

 „Einerseits befreit sie sich von ihrer vollkommenen Abhängigkeit von Ihnen und wird selbstständiger. Andererseits findet sie langsam zu ihrer eigenen Person, ihrem eigenen Menschen, über den sie jetzt aufgrund ihrer motorischen Freiheit und ihrer Sprache mehr Macht hat. Beides tut sie für sich selbst und nicht gegen Sie. Ihre Tochter wächst als Mensch genauso, wie sie auch körperlich wächst, und dem sollte man erzieherisch nicht entgegenwirken.“

Ein Kind „trotzt“ dann mehr, wenn wir diese Entwicklung beschränken, bestimmen oder es das Gefühl hat, es ist nicht o.k., es ist zu langsam, es ist zu klein,… Autoritäre Grenzen laden ein, sich dagegen zu stellen. Das „ich“ und das „du“ zu unterscheiden. Stattdessen brauchen Kinder eine wertschätzende, gleichwürdige Begleitung und manchmal Anleitung. Am wichtigsten ist dabei, dass wir ihnen das Gefühl geben, es ist o.k. wer du bist, es ist o.k. dass du eigenständig sein willst. Es freut mich sogar! Das ist entscheidend für das Kind um neue Fertigkeiten, Kompetenzen und sein Selbstwertgefühl zu entwickeln. Es ist wichtig zur Bildung des Charakters und nicht zu letzt wesentlich für unsere Beziehung zwischen Kind und Eltern.

Was also kann man tun? Haben Sie Zeit zur Verfügung oder die Möglichkeit sie sich zu nehmen, dann atmen sie tief durch und schauen sie mit Stolz auf ihr Kind und nehmen Sie seinen Antrieb wahr, ihnen zu zeigen: „Ich bin bereit für mein Leben. Ich will Selbstverantwortung tragen, ich will Dinge selber tun, selber erleben, will Versuche setzen und aus meiner selbstgemachten Erfahrung lernen.“ Und sehen Sie das niemals als böse Absicht bzw. „gegen“ Sie. Sehen sie das Positive an diesen Wünschen. Achten Sie darauf, wo kann ich mich zurücknehmen. Bleiben Sie aber präsent, als Helfer im Hintergrund der dann da ist, wenn er gewünscht wird. Und achten Sie dabei immer auf sich selber, auf Ihre eigenen Genzen und zeigen Sie diese. Persönlich. Nicht „du bist falsch“ sondern „für MICH geht das so nicht“, weil xyz.

Haben Sie bspw. Termine, Zeitdruck, usw. und es geht jetzt einfach nicht, dass das Kind mehrere Versuche wagen kann, seine Strumpfhose anzuziehen, dann begeben Sie sich auf Augenhöhe und sagen Sie: „Ich sehe Du möchtest das gerne selber machen. Und ich weiß, dass Du das kannst. Leider hab ich es gerade so eilig, dass wir uns die Zeit dafür heute nicht nehmen können. Ich möchte Dir heute daher ein wenig dabei helfen, ich freue mich aber, wenn wir nachhause kommen und Du zeigst mir dann nochmal in aller Ruhe, wie Du das kannst.“

Bei Dingen wie Haarewaschen oder Zähneputzen seien Sie ein Leuchtturm: Das ist mir wichtig, das ist meine Aufgabe das zu tun, ist die Botschaft. Versuchen Sie diese klar zu haben und zu kommunizieren. Dass wir Haarewaschen bzw. Zähneputzen ist klar und fix. Trotzdem versuchen Sie auch hier den Dialog zu suchen. Achten Sie auf einen persönlichen Dialog, was ist Ihnen wichtig und was dem Kind. Erzählen Sie auch mal von sich als Kind, vielleicht mochten Sie ja genau das auch nie. Finden Sie raus, was ist das was unangenehm ist, wie kann man daran was verbessern? (Tuch übers Auge, Sanduhr die abläuft um Zeit zu sehen, Zahnpasta die gut schmeckt, etc. ).

Und oft braucht es kleines Stückchen „Selbstbestimmtheit“ das Einzug hält in dieser Phase in der dies gerade so wichtig ist. Oft wirken das „Sehen des Kindes“ und eine „kleine Portion Selbstbestimmung“ Wunder. „Ich sehe, dass Du das jetzt nicht möchtest und Du Dich sehr ärgern musst darüber. PAUSE. Ich muss und möchte aber sicherstellen, dass Deine Zähne gesund sind und daher müssen wir sie jetzt putzen. Ich geh jetzt schon mal vor ins Bad und bitte Dich nachzukommen, sobald Du bereit dazu bist.“ Wenn die Beziehung stimmt, wird Ihnen das Kind in seiner Zeit folgen. Und dieses „ICH entscheide“ dass ich da jetzt reingehe, ist oft der kleine feine Unterschied, der Kinder in ihrer „autonomen Phase“ abholt. Trotzdem kommt die Botschaft an, am Zähneputzen ansich ist nicht zu rütteln, nur das wie und wann, da sind oft kleine Mitbestimmungsmöglichkeiten von großer Wirkung für beide Seiten. Und Hilde wird mit mehr Selbstachtungsgefühl ins Bett gehen.

Foto: suze / Quelle PHOTOCASE

31. Januar, 2016|Blog, Erziehungsalltag|